Lasst uns Würstchen-Jenga spielen!
Die größte Baustelle von VOX war lange Zeit das Nachmittagsprogramm – bis dann “Verklag mich doch!” kam und neue Hoffnung verbreitete. Ausgerechnet VOX, das nie Gerichtsshows zeigte, kombiniert rechtliche Aspekte mit mieser Scripted-Reality. Aber gerade weil sich die Macher durch die Anwalt-Kommentare selbst schon fast während der Sendung vom Produkt distanzieren, ist es stellenweise sehr unterhaltsam. Den Vogel hat VOX am Freitag aber mit einer Folge zum Thema “Man ist, was man isst” abgeschossen. Von Übergewicht, Frikadellen, Nutella-Gläsern – und Würstchen-Jenga.
In der Folge vom vergangenen Freitag, eine Wiederholung übrigens, ging es primär um Kiki Rakowski, die sichtbar übergewichtig ist, dennoch aber eine Ausbildung zur Kosmetikerin machen will. Bei der ärztlichen Untersuchung wird, oh Wunder, natürlich festgestellt, dass sie mehr für ihren Körper tun muss. Das Problem ist aber die Familie, die sich ausschließlich aus Fleisch ernährt. Oder wie Anwalt Karsten Dusse zu Beginn kommentiert: “Bei Familie Rakowski geht die Liebe zu den Kindern schon seit mehreren Kilogramm nicht mehr durch den Magen.”
Schon beim Arzt werden die Probleme deutlich, Kiki ist beim Gesundheitscheck und muss sich “abstrampeln”. “Ja aber meine Eltern sagen immer ‘Sport ist Mord’” entgegnet sie der Ärztin, die darauf hinweist, dass sie selbst ja jeden Morgen im Spiegel sehe, dass sie dringend abnehmen müsse, weil sonst Diabetes Typ 2 drohe.

In der nächsten Einstellung geht es nach Hause – wo natürlich die Ernährung Thema ist, schließlich will Kiki nun “auf jeden Fall etwas ändern” und konfrontiert ihre Familie mit der ungesunden Ernährung. Draußen auf dem Esstisch stehen dabei eine große Schüssel Brötchen, zwei Pötte Kartoffelsalat, die Friteuse für Pommes Frites, Mutti kommt glücklich mit zwei großen “Schlachter-Pfannen” und als besonderes Highlight schaut der Vater, ob der Guglhupf aus Hack/Mett etwas geworden ist.

“Wisst ihr eigentlich, dass das total ungesund ist, was wir hier essen?” – “Papperlapapp, dat schmeckt!” Auch der Hinweis, man könne krank davon werden kommt natürlih nicht an. “Ach was heißt denn krank davon werden?! Ich war schon immer dick [...] und habe nie Probleme gehabt mit’m Herzen oder mit’m Kreislauf. Dat is nicht ungesund!” Während der Bruder, der später noch bedeutsam wird, von der Mutter einen Teller fertig gemacht bekommt. Vater stellt derweil fest, dass auf das Ergometer auch nur “die dünnen Strichmännchen” gehen. “Was hast Du überhaupt mit Sport? Sport ist Mord” meint die Mutter.
Es kommt ein Einschub von karsten Dusse, der die rechtliche Seite dieser Gesundheitsgefahr erläutert – und auch die Kostenseite im Falle von Diabetes. “Alleine die Teststreifen für den Blutzucker kosten im Jahr zwischen 250 bis 500 Euro – oder umgerechnet 265 Mettigel”

Mutter entgegnet natürlich nur, dass “wir Dicken” glücklich sein, denn man könne schließlich genießen. Das Empfinden der Tochter ist völlig egal und “diese Grünspahnesser” können ja wohl nicht glücklich sein. Weiter geht es, zwei diät-reiche Wochen später, in der Schule, die Ausbildung zur Kosmetikerin startet – und wie es das Klischee natürlich will, ist sie die einzige mit Übergewicht und wird von den Mitschülern als “Erdbeben” begrüßt, die Metzgerabteilung sei woanders. Aber natürlich hat sie eine verständnisvolle Freundin, von der sie letztlich verteidigt wird, auch “drei Tage später” in der Umkleide, wenn die anderen Kikis Klamotten zerstreuen. Wie es die Sendung will, ist Kiki übrigens auch einer der oder sogar die schlechteste Schülerin und bietet damit weitere Angriffsflächen. Natürlich. Aber weiter zu den Absurditäten dieser Sendung.
Nach der Schule, es gibt wieder einen Zeitsprung, wird wieder gefuttert. Leckeres Mittagessen, den großen Berg Frikadellen sieht man leider nicht:

“Hähnchen ist gesund. Wenn du schon gesund essen willst, dann iss Hähnchen” – “Ich bin auf Diät” – “Wiie, Du bist auf Diät? Hallo, habe ich was nicht mitbekommen?” Die Frage beantworten wir uns einfach mal selbst. “Wir sind so!” stellt Mutter derweil einfach fest und verurteilt den “Diät-Wahn”. Das habe alles ja gar nichts mit dem Essen zu tun, das seien einfach die Gene (mittlerweile kam noch ein Teller Würstchen hinzu). “Sag mal denkst Du jetzt, dass ich für die separat koche? Sag mal spinnst Du ein bisschen?” als die Tochter sich Salat wünscht. Hinterher wolle Bruder Dominik auch noch eigenes Essen haben! Ja wo gibt es denn sowas?! Karsten Dusse ordnet dies als rechtlich fragwürdig ein – den Anspruch auf gesunde Ernährung könne man schließlich auch gerichtlich durchsetzen.
Kiki läuft gleich zur verständnisvollen Freundin und lässt Tränen fließen und bittet darum, mittags mitessen zu dürfen – schließlich haben die ja gesundes Essen, was die Eltern natürlich toll finden. Hier schnibbelt die Mutter natürlich gerade Gemüse, der Bruder muss zum Schwimmen.
Nächster Tag. Mutter Rakowski kann selbst nicht einkaufen, weil sie chronische Rückenschmerzen hat. Kiki musste den Einkauf natürlich erledigen. Mutter Rakowski, immer mit dem Wiener Würstchen griffbereit in der Hand, erwartet eine böse Überraschung: Kiki hat nur drei Packungen Fertig-Frikadellen und zwei Packungen Würstchen eingekauft. “Wo sind denn meine Würstchen?” fragt sie fast schon beängstigt, schließlich halte sie schon ihre letzte in der Hand.

Aber es kommt noch schlimmer, denn es sind ja noch immer gefüllte Taschen da – hier wird natürlich gleich zur Papier-Tragetasche gegriffen. “Was ist das denn?!”. Mutter schüttet sie gleich aus, Obst liegt auf dem Herd. “Ja sag mal spinnst Du?! Das habe ich nicht aufgeschrieben! [...] Wie, dat gehört dir? Nee wie, wat is dat, wat soll dat?” (Äpfel) So ein “grünes Zeug” wolle sie nicht in ihrer Küche haben. Dies sei Bio und gesund, entgegnet die Tochter. “Bio ist Mist, das ist verseucht, davon kriegst Du nur Durchfall und sowas!”. Für sowas zahle sie nicht – wenn sie Obst haben will, hätte sie auch eine Dose kaufen können, das ist ja viel billiger als “so’n Dreck”. Karsten Dusse warnt mittlerweile, dass dies auch im Entzug des Sorgerechts enden könnte. Kiki zahlt ihr Obst – “Brauchst Du gar keine Angst haben, dass wir daran gehen. Das giftige Zeug essen wir sowieso nicht!”.
Zeitsprung, nächster Tag. Kiki muss ihren Bruder von der Schule abholen, wo dieser natürlich gerade von anderen Jungs geschubst wird. Der Bruder wird nun zunehmend wichtig, denn auch er hat natürlich Gewichtsprobleme.
Nächster Abend, Kiki kommt gut mit der Diät zurecht, lässt es uns der Off-Sprecher wissen. Doch in der Küche der Schock: Das Obst ist weg, man sieht nur noch die Schale mit Messer auf der Arbeitsfläche.

Klar, die Familie hat sich doch am Obst vergriffen und veranstaltet einen etwas anderen Spieleabend. Mutter wie ein Kleinkind freut sich, dass sie auch Obst essen – “mit Pudding und Erdnussbutter schmeckt das ganz gut” kichert sie wie ein kleines Kind. In der Situation auch dabei mein absolutes “Oh mein Gott”-Highlight: Die Familie spielt Jenga – allerdings nicht klassisch, sondern mit Wiener Würstchen.

Zusammen mit dem Bruder geht Kiki nun zur verständnisvollen Freundin und deren Eltern, um das Gespräch zu suchen. Sie will ihre Eltern am liebsten verklagen. Der Vater soll mit Kikis Eltern reden, was dann auch mit netter Geste später passiert. Er bringt Obst und Gemüse aus seinem Feinkostladen mit, was Mutter Rakowski aber natürlich energisch ablehnt. Kiki probiert derweil gesundheitsschädliche Ideen aus dem Internet aus und verweigert auch frisch-gepressten O-Saft, Vitamine. Später zuhause verpasst Kiki ihrer Mutter, wie immer mti Wurst in der Hand, eine Schönheitsmaske, während auf dem Couchtisch (ohne Fliesen übrigens) wieder die bekannten Speisen stehen und Vater auch fröhlich futtert. Der Vater der verständnisvollen Freundin kommt mit dem erwähnten Präsent.
“Obst und Gemüse?!” Da unterbricht Mutter Rakowski natürlich gleich ihre Entspannung und springt auf, bezeichnet es alles als verfault. Mutter vergrault ihn natürlich, greift ihn auch leicht persönlich an und sagt, er solle das Essen doch lieber den Tieren geben.
Jetzt wird der Bruder plötzlich wichtiger. Kiki schämt sich auch drei Tage später noch für das Verhalten der Eltern, die Eltern der Freundin vermuten mittlerweile bei Kikis Bruder Diebetes Typ 2, war bei einer Bekannten auch so. Aber ein Arztbesuch ist natürlich unmachbar. Kiki selbst sucht im Internet mittlerweile nach in Deutschland nicht zugelassenen Diät-Pillen, ihre beste Freundin warnt vor lebenslangen Essstörungen und Organschäden. Das geht allerdings hier rein, da wieder raus.

Am nächsten Abend herrscht, wie es der Off-Sprecher so schön sagt, “Alarm”. Die beiden Brüder der Mädels haben gemeinsam gespielt, Kikis Bruder verletzt sich allerdings beim Schaukeln. Ihr dürft dreimal raten: Sie ist natürlich abgerissen, er ist ja übergewichtig in Fernsehdeutschland. Mit der Frikadelle in der Hand (und später im Mund) und sichtlich außer Atem kommt der Vater und droht mit Konsequenzen. Erstmal geht es aber ins Krankenhaus.

Kiki zieht ihre Diät derweil weiter durch und isst kaum noch etwas, schluckt auch die Pillen. Bis es im Sportunterricht so kommen musste, wie es dann halt kommt. Kiki rutscht vom kleinen Kasten ab bzw. bricht zusammen, der “Koloss”/”Godzilla” (Mitschülerinnen, die noch mehr Sprüche gerissen haben) liegt nun auf dem Boden:

Kiki aß seit mehreren Tagen nichts mehr, was sie nun der Sportlehrerin sagte. Die muss nun einschreiten – und unternimmt auch was gegen die Mitschülerinnen. Jetzt haben ihre Eltern sie natürlich verstärkt im Auge – und sofort findet Mutter Rakowski selbtverständlich die Diät-Pillen. Beide stellen sie zur Rede, während Vater wieder Frikadellen in Ketchup tunkt. “Wenn Du jetzt auch noch anfängst Diät-Pillen zu nehmen, die den Apetit hämmern; das geht zur weit für mich!” (“Hämmern” ist kein Tipp-Fehler”. “Du musst langsam anfangen Dich zu akzeptieren wie Du bist und wenn Du das nicht tust, dann tun wir dich zwangsernähren!”
Es folgt mein Lieblingskommentar von Karsten Dusse: “‘Jemanden zwangsernähren zu tun’ ist nicht nur grammatikalisch fragwürdig, sondern auch juristisch äußerst schwierig.”
Kiki redet nun seit zwei Tagen nicht mehr mit ihren Eltern, nur noch mit der besten Freundin – die vom Vater gleich rausgeschmissen wird, weil die ihr das Zeug mit dem Gemüse aufgeschwatzt habe. Mutter eilt herbei und unterstützt ihren Mann. Kiki spricht mittlerweile von Hass, die Mädels gehen zur besten Freundin und lernen dort. Bei den ersten Zeugnissen fruchtet übrigens der Lebenswandel und Kiki hat das beste Zeugnis des Jahrganges. Im TV folgte übrigens nun ein Werbeblock, der mit einem Frauenzimmer-Teaser begann: “Abnehmen mit der Ernährungsuhr, heute auf Frauenzimmer.de”
Weiter geht es nun wieder an der Schule, vier Monate später. Kiki ernährt sich mittlerweile bewusst und hat fünf Kilo abgenommen. Sie muss ihren Bruder wieder einmal von der Schule abholen, trifft dort aber nur auf die Lehrerin. Er wurde von anderen Schülern dazu gezwungen, ein ganzes Glas Nutella zu essen (!) und hat einen Zuckerschock erlitten, liegt nun im Krankenhaus. Jetzt ist Diabetes beim Bruder bestätigt und er muss regelmäßig Insolin spritzen. Aber nur Kiki macht sich Gedanken um ihren Bruder und sorgt sich. Mutter lässt ihn mit einem großen Becher Schoko-Pudding oder -Eis nachhause kommen. Damit es für den Zuschauer auch besonders klar ist, muss er wie ein Kleinkind essen und sich das Gesicht vollschmieren (sieht man leider eher schlecht auf dem Screenshot):

Kiki nimmt ihm den Becher gleich ab, was der Mutter aber natürlich wieder nicht passt. “Och nu lass den Jung doch mal in Ruhe, man!”. Beendet wird die Diskussion damit, dass Mutter ihrem Sohn noch einen Burger gibt. Kiki sei soo dramatisch, schließlich müsse er nur ein paar Einheiten mehr spritzen. Kiki droht mit dem Jugendamt.
Weil es einstündige Folgen sind, geht es jetzt ganz schnell und das Ende wird nur erzählt. Der Bruder wird vom Jugendamt aus der Familie genommen und landet in einer Pflegefamilie. Kiki selbst besucht ihn dort regelmäßig und ist nach Erreichen der Volljährigkeit in ein Appartement gezogen. Bei Filmpool schämen sich hoffentlich Leute, die solch eine Sendung geschrieben haben. VOX ist der Inhalt egal und freut sich über gute Quoten.
Autor: Marcel Pohlig, abgelegt unter Sendungen
Alle Bilder: VOX


RSS
twitter
UK-Update
aktuell
aktuell
2 Kommentare
Hessin
19. März 2012 um 18:06
das ist alles mehr als weltfremd!! Vor allem die Hinweise auf Jugendämter…ich hab noch keine Jugendamtsmitarbeiter erlebt die sich um solches kümmern würden
Vinc
1. Oktober 2012 um 07:58
Mich wundert da garnichts mehr.